Dragseth

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25 Jahre als Duo, dann als Quartett, in den zukünftigen 25 als Trio in Sachen Folksongs und -tunes der vorwiegend romantisch-melancholischen Art unterwegs.

Eigenkompositionen in platt- und hochdeutscher Sprache wechseln sich ab mit Literatur-Vertonungen und Songs in anglo-amerikanischer Tradition. Darüber hinaus Projekte mit Kollegen in unterschiedlichen Stilrichtungen, wie 2004 eine Zusammenarbeit mit "Drones & Bellows", 2006 mit Frank Bosserts "Eureka", 2008 mit der "Backporch Stringband" und 2011 mit dem Kinder- und Jugendchor "Vocalino" in Lübeck.


Kritiken


Das Gelobte Land liegt vor der Haustür

Seit über einem Vierteljahrhundert sind Kalle Johannsen und Manuel Knortz nun nun schon musikalische Botschafter Nordfrieslands. 2008 wurden sie dafür mit dem Hans-Momsen-Preis ausgezeichnet. Es gibt Menschen, die Dragseth Duo für eine nordfriesische Band halten, "dabei haben wir kaum einen friesischen Song geschrieben", sagt Knortz. Dafür verschränken sie Plattdeutsches und Friesisches mit den Traditionen der anglo-amerikanischen Songwriter - voller Hingabe und mit zunehmendem Erfolg. Kürzlich traf sich das Duo, das mit Jens Jesse (Gitarre, Slide, Banjo, Gesang) und Gerd Beliaeff (Bass, Posaune) inzwischen Quartett-Stärke erreicht hat, mit befreundeten Musikern von der Backporch Stringband. Eigentlich wollten sie nur ein bisschen zusammen spielen, doch für alle Fälle ließen sie ein Band mitlaufen, und so entstanden die 7 neuen Songs, die auf dieser CD ersmals zu hören sind.

Dragseth Duo - eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen

Ausgerechnet das, was Manuel Knortz und Kalle Johannsen in tiefstem Herzen vereint, führte 1993 zu ihrer Trennung. Viele Jahre lang hatten die beiden zusammen musiziert und mit ihren Alben "Lichtjahre" und "Es ist ein Flüstern" sogar renommierte Musikkritiker wie Thomas Rothschild überzeugt: "Musik und Interpretation bilden eine Einheit", schrieb Rothschild 1989 im Feuilleton der Frankfurter Rundschau, "sympathisch, freundlich, ganz frei von romantisierender Nostalgie, auch von jeglicher Deutschtümelei, aber auch ein angenehmes Gegengewicht schaffend zum immer einförmigeren amerikanischen Popgedudel". Dennoch war 1993 Schluss. Beiden Husumer Musikern, die "unwissentlich" bereits im Chor der Husumer Hermann-Tast-Schule "ganz gut harmoniert hatten", dann aber durch den Stimmbruch getrennt wurden, galt es als "unausgesprochenes Prinzip", dass "Musik Spaß machen sollte", wie Kalle Johannsen sagt. Doch genau damit war es in jenem Jahr vorbei. Der schleichende Verschleißprozess - auch eine Folge fortschreitenden Erfolgs, der vielen Auftritte und des damit verbundenen Rückzugs aus dem Privaten, hatten ihren Tribut gefordert. Irgendwann schauten sie einander an und fragten: "Fällt Dir noch was ein?" - "Nee. Und - hast Du noch Lust?" - "Eigentlich nicht." Der Rest war Schweigen, ein Schweigen, das zehn Jahre währen sollte.

Erst 2003 kehrte Dragseth Duo aus der Versenkung zurück. Langsam zunächst. Die ersten Treffen waren unverbindlich und standen ganz im Zeichen des alten Leitmotivs, wonach Spielfreude die Mutter allen musikalischen Miteinanders ist. "Wir redeten, tranken Rotwein, und wenn uns danach war, griffen wir zur Gitarre", erinnert sich Kalle Johannsen. Von einem ersten gemeinsamen Auftritt im "Waldheim" (Haaks) bekam die dänische Band "Drones & Bellows" Wind. Beide kannten sich noch von früher. So entstand die Idee für ein gemeinsames Konzert, dem ein grenzübergreifendes Album in jenen fünf Sprachen folgte, die in Sonderjylland und Schleswig gesprochen werden: Plattdüütsch, Hochdeutsch, Friesisch, Sonderjysk und Hochdänisch. In einer Rezension schreibt der "Folker" im Februar 2005: "Hiimstoun" ist der gelungene Versuch, aus einem reichen kulturellen Erbe eine ganz besondere Mischung zu schaffen, die in ihrer musikalischen Umsetzung schlicht umwerfend ist. Zum Heulen schöne Melodien und Lieder."

Außerdem knüpft das Album im besten Sinne an die Tradition von Dragseth Duo an. Genauso hatte es begonnen: Als in den Siebziger und Achtziger Jahren die Rock- und Popmusik alles andere zu überdecken drohte, bekannten sich Kalle Johannsen und Manuel Knortz zum Folk. Drei Dekaden später, anlässlich der Hans-Momsen-Preisverleihung 2008, erklärte Johannsen in einem Interview, warum: "Folksongs verändern sich ständig. Und das ist auch gut so, weil es in der Musik wie in der Kunst um die Idee geht, um die Quintessenz, darum, etwas auf den Punkt zu bringen." Ein Punkt, auf den sie schon mit ihren Storm-Vertonungen ("Es ist ein Flüstern"), aber auch mit ihrer ersten musikalischen Melange aus Eigen-kompositionen und Bekenntnissen der Tradition der anglo-amerikanischen Songwriter ("Lichtjahre") zustrebten. "Volksmusik ist alles", hat Manuel Knortz einmal gesagt, "bis auf Volksmusik." Und so sind Mark Knopfler, Bruce Springsteen und Johnny Cash in Dragseth's Repertoire ebenso so feste Größen wie Theodor Storm und Klaus Groth. "Folk ist wahrhaftig", setzt Knortz nach, "sonst ist es Schlager." Und: "Man muss einen Song so verinnerlichen, als hätte man ihn selbst geschrieben."

Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu logisch, dass sich Kalle Johannsen für seine Hommage an Nordfriesland im belgischen Flandern bedient und Jacques Brels "Le plat pays" in "Mien platte Land" "umfrisiert" hat. Ganz gleich, welcher Vorbilder sie sich bedienen: Heraus kommt immer auch Stück "Dragseth Duo". Das liegt wohl auch daran, dass Kalle Johannsens und Manuel Knortz' Heimatgefühle weit über Ortsschilder hinaus- und von jeher mit einer Art weltbürgerlichem Fernweh einhergehen. Vielleicht ist dieser Symbiose am Ende sogar der Name "Dragseth Duo" zu verdanken. In Dragseths Gasthof an der Husumer Zingelschleuse gaben die beiden ihr erstes Konzert. Und auch dieses älteste Wirtshaus der Storm-Stadt aus dem Jahre 1584 war einst beides: Zufluchtsort und Ausgangspunkt ausgedehnter Kutschreisen.

Nach dem viel beachteten Studio-Album "The promised Shore" (Das Gelobte Land, 2006) und einer ersten Zusammenarbeit mit der Backporch Stringband 2007, bei der in nur einer Woche zwei Alben entstanden, erscheinen Kalle Johannsen und Manuel Knortz heute spielfreudiger denn je. Einmal wöchentlich treffen sie sich mit Jens Jesse und Gerd Beliaeff in Knortz' Witzworter Atelier zum Musizieren. Doch zuerst wird gemeinsam gekocht und - wie damals - 1993 Wein getrunken. Auch das gehört zur Dragseth-Duo-Dialektik: Das Gelobte Land liegt vor der Haustür - und das Haus steht in der Welt. So einfach ist das.

Rüdiger Otto von Brocken,
Redakteur Husumer Nachrichten

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Die CD "Stää un Stünn"

Kann es sein, dass Intimität nichts mit der Anzahl der Personen zu tun hat?

Manuel Knortz und Kalle Johannsen zucken mit den Achseln und schmunzeln: "Auf jeden Fall ist ,Stää un Stünn' (Ort und Stunde) unser bislang intimstes Album", bekennen die Gründungsväter von "Dragseth". Und das, obgleich sie nicht mehr zu zweit, sondern zu viert musizieren. Doch etwas anderes ist geblieben: "Wenn wir uns einmal wöchentlich mit Jens Jesse und Gerd Beliaeff treffen, wird zunächst gegessen, getrunken und geredet", berichtet Johannsen. "Da können schon mal zwei, drei Stunden ins Land gehen." Schönes Bild: Gedanken-Spaziergänge...

"Früher haben wir uns für unsere Alben immer Leute dazugeholt", erläutert Knortz. "Die gingen hinterher wieder. Aber die hier bleiben ja", sagt er lächelnd in Richtung Jesse und Beliaeff. Und das ist auch gut so, denn mit ihren spezifischen Stärken haben die beiden nicht nur das musikalische Repertoire der Band erweitert. "Diese Kontinuität hat eine gewisse Vertrautheit geschaffen. Eine Vertrautheit, die sich auch in ,Stää un Stünn' niederschlägt." Wie der Name schon sagt, geht es um das Hier und Jetzt, um die Magie des Augenblicks.

Manuel Knortz nimmt diesen Gedanken im Titelsong des Albums auf: "Eine romantische Szene im Garten", blickt er auf dessen Entstehung zurück. "Die Heroen deiner Kindheit sind wieder da, und plötzlich merkst du, dass dies alles von einer einzigen Person ausgeht, jenem Menschen, mit dem du da unter der Weide sitzt."

In diesem, aber auch in vielen Songs des Albums geht es um die Empfindung des Glücks - "in dem Moment, wo es da ist". Jeder der vier Musiker hat dazu auf seine Weise beigetragen. So schrieb Kalle Johannsen "Nachtleed" als Abschiedslied für seine sterbenskranke Mutter und ist glücklich, dass sie es vor ihrem Tod noch einmal gehört hat.

"Stää un Stünn" entwickelt diese besondere Intensität aber auch dort, wo sich "Dragseth" fremder Texte bedient. "Weil vieles von dem, was diese Lieder erzählen, auch uns passiert ist", erklärt Johannsen.

Dass es ein plattdeutsches Album werden würde, stand für die vier Musiker schon lange fest. Mehr als einmal hatten Knortz, Johannsen und Jesse dafür im Hausbuch niederdeutscher Lyrik geschmökert. Dort fanden sie auch einen Text, den die Ostholsteiner Lyrikerin Marie Harder in den 1920er-Jahren geschrieben hat und aus dem der Song "Du" hervorging. Und manchmal spielte sogar Kollege Zufall mit, zum Beispiel bei der Übersetzung eines Stücks von James Taylor, "das auf Hochdeutsch einfach nicht gelingen wollte, aber auf Platt war plötzlich alles ganz einfach".

Der Zauber, von dem die Musiker erfüllt waren, als sie die elf Perlen für "Stää un Stünn" schrieben und entwickelten, überträgt sich dann auch hautnah auf den Zuhörer. Kaum mehr zu hören, dass so ein Album - wie alle Kunst - nicht nur schön ist, sondern auch viel Arbeit macht, zumal Sönke "Kiki" Kirchner beim Abmischen alles gegeben hat. Es gibt Musiker, die finden Songs. Bei Dragseth hat man bisweilen den umgekehrten Eindruck.


Rüdiger Otto von Brocken,
Husumer Nachrichten

 

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