Kritiken

 

Das Gelobte Land liegt vor der Haustür

Seit über einem Vierteljahrhundert sind Kalle Johannsen und Manuel Knortz nun nun schon musikalische Botschafter Nordfrieslands. 2008 wurden sie dafür mit dem Hans-Momsen-Preis ausgezeichnet. Es gibt Menschen, die Dragseth Duo für eine nordfriesische Band halten, "dabei haben wir kaum einen friesischen Song geschrieben", sagt Knortz. Dafür verschränken sie Plattdeutsches und Friesisches mit den Traditionen der anglo-amerikanischen Songwriter - voller Hingabe und mit zunehmendem Erfolg. Kürzlich traf sich das Duo, das mit Jens Jesse (Gitarre, Slide, Banjo, Gesang) und Gerd Beliaeff (Bass, Posaune) inzwischen Quartett-Stärke erreicht hat, mit befreundeten Musikern von der Backporch Stringband. Eigentlich wollten sie nur ein bisschen zusammen spielen, doch für alle Fälle ließen sie ein Band mitlaufen, und so entstanden die 7 neuen Songs, die auf dieser CD ersmals zu hören sind.

Dragseth Duo - eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen

Ausgerechnet das, was Manuel Knortz und Kalle Johannsen in tiefstem Herzen vereint, führte 1993 zu ihrer Trennung. Viele Jahre lang hatten die beiden zusammen musiziert und mit ihren Alben "Lichtjahre" und "Es ist ein Flüstern" sogar renommierte Musikkritiker wie Thomas Rothschild überzeugt: "Musik und Interpretation bilden eine Einheit", schrieb Rothschild 1989 im Feuilleton der Frankfurter Rundschau, "sympathisch, freundlich, ganz frei von romantisierender Nostalgie, auch von jeglicher Deutschtümelei, aber auch ein angenehmes Gegengewicht schaffend zum immer einförmigeren amerikanischen Popgedudel". Dennoch war 1993 Schluss. Beiden Husumer Musikern, die "unwissentlich" bereits im Chor der Husumer Hermann-Tast-Schule "ganz gut harmoniert hatten", dann aber durch den Stimmbruch getrennt wurden, galt es als "unausgesprochenes Prinzip", dass "Musik Spaß machen sollte", wie Kalle Johannsen sagt. Doch genau damit war es in jenem Jahr vorbei. Der schleichende Verschleißprozess - auch eine Folge fortschreitenden Erfolgs, der vielen Auftritte und des damit verbundenen Rückzugs aus dem Privaten, hatten ihren Tribut gefordert. Irgendwann schauten sie einander an und fragten: "Fällt Dir noch was ein?" - "Nee. Und - hast Du noch Lust?" - "Eigentlich nicht." Der Rest war Schweigen, ein Schweigen, das zehn Jahre währen sollte.

Erst 2003 kehrte Dragseth Duo aus der Versenkung zurück. Langsam zunächst. Die ersten Treffen waren unverbindlich und standen ganz im Zeichen des alten Leitmotivs, wonach Spielfreude die Mutter allen musikalischen Miteinanders ist. "Wir redeten, tranken Rotwein, und wenn uns danach war, griffen wir zur Gitarre", erinnert sich Kalle Johannsen. Von einem ersten gemeinsamen Auftritt im "Waldheim" (Haaks) bekam die dänische Band "Drones & Bellows" Wind. Beide kannten sich noch von früher. So entstand die Idee für ein gemeinsames Konzert, dem ein grenzübergreifendes Album in jenen fünf Sprachen folgte, die in Sonderjylland und Schleswig gesprochen werden: Plattdüütsch, Hochdeutsch, Friesisch, Sonderjysk und Hochdänisch. In einer Rezension schreibt der "Folker" im Februar 2005: "Hiimstoun" ist der gelungene Versuch, aus einem reichen kulturellen Erbe eine ganz besondere Mischung zu schaffen, die in ihrer musikalischen Umsetzung schlicht umwerfend ist. Zum Heulen schöne Melodien und Lieder."

Außerdem knüpft das Album im besten Sinne an die Tradition von Dragseth Duo an. Genauso hatte es begonnen: Als in den Siebziger und Achtziger Jahren die Rock- und Popmusik alles andere zu überdecken drohte, bekannten sich Kalle Johannsen und Manuel Knortz zum Folk. Drei Dekaden später, anlässlich der Hans-Momsen-Preisverleihung 2008, erklärte Johannsen in einem Interview, warum: "Folksongs verändern sich ständig. Und das ist auch gut so, weil es in der Musik wie in der Kunst um die Idee geht, um die Quintessenz, darum, etwas auf den Punkt zu bringen." Ein Punkt, auf den sie schon mit ihren Storm-Vertonungen ("Es ist ein Flüstern"), aber auch mit ihrer ersten musikalischen Melange aus Eigen-kompositionen und Bekenntnissen der Tradition der anglo-amerikanischen Songwriter ("Lichtjahre") zustrebten. "Volksmusik ist alles", hat Manuel Knortz einmal gesagt, "bis auf Volksmusik." Und so sind Mark Knopfler, Bruce Springsteen und Johnny Cash in Dragseth's Repertoire ebenso so feste Größen wie Theodor Storm und Klaus Groth. "Folk ist wahrhaftig", setzt Knortz nach, "sonst ist es Schlager." Und: "Man muss einen Song so verinnerlichen, als hätte man ihn selbst geschrieben."

Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu logisch, dass sich Kalle Johannsen für seine Hommage an Nordfriesland im belgischen Flandern bedient und Jacques Brels "Le plat pays" in "Mien platte Land" "umfrisiert" hat. Ganz gleich, welcher Vorbilder sie sich bedienen: Heraus kommt immer auch Stück "Dragseth Duo". Das liegt wohl auch daran, dass Kalle Johannsens und Manuel Knortz' Heimatgefühle weit über Ortsschilder hinaus- und von jeher mit einer Art weltbürgerlichem Fernweh einhergehen. Vielleicht ist dieser Symbiose am Ende sogar der Name "Dragseth Duo" zu verdanken. In Dragseths Gasthof an der Husumer Zingelschleuse gaben die beiden ihr erstes Konzert. Und auch dieses älteste Wirtshaus der Storm-Stadt aus dem Jahre 1584 war einst beides: Zufluchtsort und Ausgangspunkt ausgedehnter Kutschreisen.

Nach dem viel beachteten Studio-Album "The promised Shore" (Das Gelobte Land, 2006) und einer ersten Zusammenarbeit mit der Backporch Stringband 2007, bei der in nur einer Woche zwei Alben entstanden, erscheinen Kalle Johannsen und Manuel Knortz heute spielfreudiger denn je. Einmal wöchentlich treffen sie sich mit Jens Jesse und Gerd Beliaeff in Knortz' Witzworter Atelier zum Musizieren. Doch zuerst wird gemeinsam gekocht und - wie damals - 1993 Wein getrunken. Auch das gehört zur Dragseth-Duo-Dialektik: Das Gelobte Land liegt vor der Haustür - und das Haus steht in der Welt. So einfach ist das.

Rüdiger Otto von Brocken,
Journalist Husumer Nachrichten

Ausstellungen

Ständige Ausstellung im Hause

Öffnungszeiten:
Do - So.: 14:00 - 18:00 Uhr

Die nächsten Dragseth-Konzerte

 

Fr., 22. September, 20.00 Uhr
Vareler Waisenstift, Varel
anl. der Vareler Stormtage

Fr., 29. September, 19.00 Uhr
Kirche St. Marien, Husum
Benefizkonzert f.d. Diakonie Husum
mit Vorstellung der neuen CD „DRIFT“

Do., 12. Oktober, 20.000 Uhr
Weingeist, Kleiner Salon, Eutin

Sa., 16. Dezember, 20.00 Uhr
Leck-Huus, Leck
Weihnachtskonzert gem. mit „Voice-Time“